Vergänglichkeit

Manche Menschen sind Maurer. Sie schichten Reihe um Reihe von Ziegeln auf, und nach einem Jahr stellt selbst der zufälligste Beobachter fest, daß sie daran mitgewirkt haben, ein Haus zu bauen. Noch ein bißchen später ziehen in das Haus dann Menschen ein und erfüllen das Gemäuer mit Leben, Licht, Wärme und vielleicht sogar Kinderlachen. Der Architekt, der ein Jahr nach Fertigstellung an dem Haus, welches er entworfen hat, vorbei fährt, kann den Anblick genüßlich in sich aufnehmen, denn er weiß, daß es auch sein Verdienst war, daß er daran beteiligt war, etwas dauerhaftes zu schaffen. Etwas greifbares, eine physikalische Realität, die selbst ein Kleinkind begreift. Das Machwerk bleibt vielleicht nicht für die Ewigkeit bestehen, aber üblich sind Zeiten von mehr als dreißig Jahren durchaus. Durch das Zusammenspiel aus Architekt, Bauleitung, Bauarbeitern, Handwerkern und weiß-Gott-was-noch-Alles ist etwas entstanden, was trotzig die Realität seiner Existenz zu erkennen gibt.

Ich bin IT’ler. Es ist nicht so, daß es meine Arbeit ohne vorausgehende Planungen auskäme. Gleich einer Architektin, die das Grundstück, auf welchem ein Gebäude entstehen soll, in Augenschein nimmt, feststellt, wie die Gebäude in der Umgebung aussehen, wo man wie lange mit Sonnenschein rechnen kann, wie die Dächer der Nachbarhäuser ausgerichtet sind oder ob Straßen und Gebäude anhand imaginärer Linien verlaufen, die man nur auf einem Stadtplan erkennen kann, so beginnt auch meine Arbeit meist mit einer Bestandsaufnahme. An die Stelle der Nachbarschaft treten technische Faktoren wie die vorhandene Software-Landschaft, die bestehende Infrastruktur in Hinblick auf Server- und Netzwerkhardware und die Vorgabe, wie invasiv ein Projekt umgesetzt werden darf. Statt auf Sonnenschein achte ich auf Hard- und Software-Voraussetzungen, auf Lastprofile und auf Informationssicherheit. Und anstatt der Ausrichtung von Dächern Augenmerk zu schenken, bemühe ich mich darum, Lösungen zu finden, die mit dem vorhandenen Know How von jenen, die nach mir kommen werden, gepflegt werden können. Doch mit der Planungsphase hören die Ähnlichkeiten zum Hausbau nicht auf: Wie auch ein Bauherr Mittel bereitstellen muß, so werden auch IT-Projekte in zunehmendem Maße durch das zur Verfügung stehende Budget begrenzt. Schreitet der Bauherr dann zum Bau, so kann er das Haus nicht alleine vollenden - genauso wenig wie ich das in den meisten Fällen kann. An die Stelle von Ziegeln und Beton treten Festplatten, Server und Switches, die beschafft werden müssen. Und gleich dem Maurer, der Schicht um Schicht aufträgt, wird durch die Arbeit von Spezialisten aus toter Hardware ein System, welches die Geschäftstätigkeit des Unternehmens fördert. An die Stelle von Wärme, Licht und Leben treten Daten, die verarbeitet werden. Auch, wenn ich hier einige Metaphern überstrapaziere, so kann doch glaube ich jeder, der jemals IT-Projekte umgesetzt hat, die Ähnlichkeit - bis hin zu den Widrigkeiten - erkennen.

Es könnte also alles so schön sein. Ist es aber nicht. Denn nichts von dem, was wir ITler schaffen, hat Bestand. Nichts davon ist real. Wir gleichen nicht dem Handwerker, der mit seinen Händen zum Ganzen beiträgt, nein, wir sind Psychatrie-Patienten, die in ihren Köpfen fortlaufend Luftschlösser bauen. Ein kleiner Magnet, an genügend - und richtige - Stellen gehalten, macht alle unsere Arbeit in Minuten zunichte (kommt mir jetzt nicht mit Backups, das ist nicht das Thema hier). Wir erschaffen nichts. Wir leisten keinen Beitrag zur Realität. Wir fomulieren Gedanken in Nullen und Einsen, und zwar mit einem Abstraktionsgrad, der so hoch ist, daß man ihn so gut wie keinem Laien vermitteln kann. Einen Balkon, einen Gartenzaun dagegen versteht jeder. Und während der Balkon auch in zwanzig oder dreißig Jahren noch steht, müssen wir im Schnitt alle vier Jahre mehr oder weniger von vorne anfangen.

Wir sind wie Sysiphos. Und momentan komme ich mit dieser einen, fundamentalen Wahrheit unseres Berufsstandes gar nicht klar.