Smartphones

Smartphones sind toll. Das kann man einfach so stehen lassen, denke ich. Beziehungsweise für die Kritiker (mir sei gestattet, mich im Laufe des Texts auf die griechische Wortwurzel zu beziehen) unter meinen Lesern: Die Idee des Smartphones ist toll, womit wir die Mängel konkreter Implementierungen mal kurz ausblenden können. In den letzten 15 Jahren haben wir einen Paradigmenwechsel sonder gleichen erlebt, zumindest, was den ständigen Zugriff auf Wissen (für die Kritiker: Informationen) angeht, und Smartphones sind ein weiterer logischer Schritt in die richtige Richtung. Wenn ich 1996 vor dem Fernseher gesessen bin und mir in einem Film der Name eines Nebendarstellers nicht eingefallen ist, er nicht in der Fernsehzeitung stand und auch im Videotext nicht zu finden war, dann war es das: Keine Chance, den in vernünftiger Zeit - besser: zeitnah - rauszufinden. Heute öffnet man die IMDB-App und schaut nach. Wahrscheinlich könnte man auch einfach das Fernsehbild einfrieren (Timeshift kann ja heutzutage fast jeder auf die eine oder andere Weise) und Google Goggles drauf los lassen. Wenn ich 1996 mit Kumpels am See gelegen bin und wir aus irgendeinem Grund das BSP von Weißrussland wissen wollten - Pech gehabt. Heutzutage eine leichte Übung. Wenn ich 1996 in einer fremden Stadt war und am Abend gut Essen gehen und danach in’s Kino wollte musste ich mich durchfragen und auf einige wenige Empfehlungen verlassen (Don’t ask the concierge for restaurant commendations!). Heute steht mir die geballte Macht der crowd zur Verfügung. Also eigentlich alles knorke, oder?

Leider nicht. Denn wie oben erwähnt gibt es einen großen Unterschied zwischen der Idee des Smartphones und der konkreten Implementierung, oder anders gesagt: Irgendwie riechen sie doch alle nach totem Fisch. Und sie tun dies auf eine Art und Weise, die mich doch dazu bringt, die beteiligten Hersteller, aber auch den typischen Konsumenten, am liebsten einweisen zu wollen. Neulich zum Beispiel hielt ich ein Google Nexus S in den Händen. Attraktiv daran erschien mir, daß die Software direkt von Google ist - wegen der Verfügbarkeit von Updates, aber dazu später mehr. Jetzt sollte man meinen, wenn Google DAS Referenztelefon für Android auf den Markt wirft, dann tun sie dies in überlegter Art und Weise. Die Realität sieht leider anders aus. Der ganze Frust fing mit dem Versuch an, mein Exchange-Konto via ActiveSync einzubinden. “Für den Zugriff auf dieses Konto sind Sicherheitsfunktionen erforderlich, die von ihrem Telefon nicht unterstützt werden.” Wie bitte? Wie kann Google es wagen, sein Betriebssystem als ActiveSync-tauglich zu bewerben, dann aber weniger Features zu unterstützen als seiner Zeit Windows Mobile 5.1 mit irgendeinem Feature-Pack? Ist das deren Ernst? Nachdem ich den Exchange-Admin bei uns dann soweit hatte, mir die Policy mit dem tollen Namen “Default” (Zitat: “Die ist für Phones, dier gar nix können…“) einzustellen und der Exchange-Zugriff dann endlich klappte, die zwei nächsten Erläuterungen: Smartphones sind per Definition mobile Geräte. Man kann sie nicht nur mit sich herumtragen, sondern man erwartet auch, daß sie gerade eben “unterwegs” zu voller Leistung auflaufen. Das Nexus S hat hier bei mir - und wenn man die einschlägigen Foren liest auch bei vielen anderen - einfach nur versagt: Das GPS war bestenfalls launisch (wer will schon immer mobile Datenverbindungen deaktivieren, um einen stabilen “Fix” zu kriegen, auf den man dann auch noch 30 Sekunden warten darf?). Really, Google? Was zum Geier habt ihr Euch dabei gedacht? Und der Kompass hat trotz gefühlter tausendmaliger Rotation um alle drei Achsen in alle möglichen Richtungen gezeigt und eher zufällig nach Norden. Was zum Henker? Und leider lässt sich die Liste fortsetzen: Kein Trackball. Das klingt jetzt erstmal nicht schlimm, aber wenn man zum drölfzigsten Mal einen einzelnen Buchstaben korrigieren will und dazu auf dem Touchscreen einen Pfeil richtig positionieren muß, dann wünscht man sich den Trackball dringend zurück. Keine Benachrichtigungsleuchte (und kommt mir jetzt nicht mit BLN, nicht jeder will das Phone rooten)? Selbst mein uraltes Nokia-Dumbphone hatte sowas. Die Kamera ist solide und macht relativ gute Bilder für ihre 5MP, aber trotzdem: Das Referenzphone von Goolge hätte ruhig 8MP vertragen können. Und die Fähigkeit, Videos in HD aufzunehmen.

Mittlerweile habe ich das Nexus S an Amazon zurückgeschickt. Und bin wieder bei meinem HTC Desire. Hier hatte ich einen Ausflug zu Android 2.3.3 gemacht, die konkrete Implementierung war Cyanogenmod 7. Im Prinzip ist das auch keine so schlechte Idee, aber hier haperte es einfach an Stabilität: Die Energiesteuerung in der Benachrichtigungsleiste ist mir mehrfach abgestürzt. Das Firmen-WLAN hat zu einer dauerhaften “Connect - Disconnect”-Schleife geführt, die den Akku in knapp einer Stunde leergesaugt hat (nicht jedes Mal, aber oft genug). Der ADW-Launcher hat sich des öfteren Mal dazu entschlossen, kein Dock mehr anzuzeigen. Der Virbationsalarm für SMS-Benachrichtigungen ist des öfteren Mal ausgefallen. Die CM7-Profile haben nur teilweise so funktioniert wie dokumentiert (das ist übrigens wirklich ärgerlich, wenn man z.B. Rufdienst hat und sich drauf verlässt, daß der Ton für SMS und Klingelton jetzt schon auf höchster Lautstärke und ellenlang sein wird!). Und so weiter und so fort. Und fehlende Proxy-Unterstützung im Default-OS? Geht’s noch? Auf dem Desire läuft jetzt wieder LeeDroid. Das ist zwar nur Android 2.2, und noch dazu Sense, aber es tut wenigstens das, was es soll. Abgesehen von den Dingen natürlich, die es nicht kann (Proxy, Checkpoint-VPN, etc. pp.). Und natürlich darf man auch keine Serientermine vom Telefon aus absagen. Aber wenigstens klingelt und vibriert es so, wie man es einstellt. Und nebenbei kann das Ding, dank HTC-Programmierarbeit, auch die selben Sicherheitsfeatures wie ein Windows Mobile 6.5, inswoeit ActiveSync betroffen ist.

Aber nicht nur Android riecht nach totem Fisch. Mein Chef hat seit kurzem ein Telefon mit Windows Mobile 7. Und hat erstmal in die Tischkannte gebissen als er herausgefinden hat, was für Verrenkungen er anstellen muß, um eigene Klingeltöne zu vergeben. Oder eigene Hintergrundbilder. Oder Copy&Paste. Von der mageren Software-Auswahl mal ganz abgesehen. Und MP3s kriegt man nur mit Zune drauf. WTF?

Und das iPhone? So ungern man das auch zugibt, für das Unternehmensumfeld ist das deutlich besser geeignet als die ganze Konkurrenz. Proxy, WLAN mit EAP-TLS, komplette ActiveSync-Sicherheitspalette, das funktioniert alles mehr oder weniger auf Anhieb. Aber wehe, man will mit dem Telefon was machen, was Apple so nicht vorgesehen hat. Tethering oder so zum Beispiel. Oder wenn man einen Compiler braucht. Oder so. Das Ding ist zugemauert wie schwedische Gardinen. Und auch das iPhone kann man per Default nur mit iTunes betanken.

Und die Sicherheit? Bei Microsoft und Apple kommen die Updates wenigstens direkt vom Hersteller, bei den meisten Android-Phones nicht (Nexus S mal als Ausnahme, die gerade deswegen für mich attraktiv war. Die anderen Telefone, da muß der Hersteller für jede neue Version seine Oberfläche anpassen und seine Veränderungen portieren, sei es Sense bei HTC, Touchwiz bei Samsung oder MotoBlur bei Motorola) - und deswegen dauert es oft viel zu lange, bis da was gefixed wird. Obwohl auch Apple zeigt, daß “alles aus einer Hand” nicht immer zeitnahe Security-Updates sorgt.

Ich will ein offenes Smartphone. Es soll schnell sein, es soll sicher sein (und damit meine ich auch Dinge wie “bietet dem App-Programmierer eine Möglichkeit, Daten verschlüsselt zu speichern, ohne sich auf den Kopf stellen zu müssen”). Es soll tolle Photos machen und tolle Videos aufnehmen können. Ich will das Display auch im Sommer lesen können. Ich will den Source haben, modifizieren, kompilieren und wieder auf das Telefon flashen können. Ich will nicht vom Hersteller (oder auf Geheiß des Netzbetreibers) eingeschränkt werden. Ich will ein Smartphone, das sich in die Firmenumgebung integriert, und zwar in einer Weise, die beim Security-Audit nicht negativ auffällt. Und es muß absolut zuverlässig sein. Und zuletzt soll es praktisch in der Handhabung und exzellent in der Sprachqualität sein.

Wie lange werde ich wohl noch warten müssen?