Eher eine Luftschlange: "Cobra" von Frederick Forsyth

Ich habe die Romane von Frederick Forsyth früher wirklich geliebt - meinen ersten Kontakt mit dem modernen Thriller-Genre habe ich als Kind während eines Urlaubs an der Nordsee mit seinem Buch Des Teufels Alternative gemacht. Ich kann mich noch erinnern, daß das Wetter fast immer sonnig, kalt und sehr windig war und der Urlaub eigentlich nur zwei Highlights hatte: Am Strand einen Lenkdrachen steigen zu lassen und eben in der Ferienwohnung dieses Buch zu lesen. Als Kind ist die Welt halt noch einfach.

Seit damals habe ich von ihm noch ein paar andere Bücher verschlungen, Highlights waren Das vierte Protokoll und Die Faust Gottes Keiner von ihnen hat mich enttäuscht, die Technik stand nie so im Vordergrund wie bei z.B. Tom Clancy, die Charaktere wirkten nie eindimensional oder stereotypisch und die Handlung blieb stets spannend. Und dann kam irgendwann Der Rächer - und meiner Meinung nach ging es seitdem bergab mit seinen Geschichten.

Man könnte also sagen, daß ich mir sein neuestes Werk Cobra wider besseres Wissen zugelegt habe und um es gleich vorweg zu nehmen - ich wurde wirklich enttäuscht. Die Handlung des Romans lässt sich relativ schnell beschreiben: Die USA beschließen, den Kokainhandel auszumerzen und tun dies weitab jeden rechtsstaatlichen Vorgehens. Und jetzt, wo ich darüber schreibe, fällt mir auf, daß dieses Buch eigentlich wirklich nur Schwächen hat.

Es fängt damit an, daß der Grund, aus dem die USA auf diesen Kreuzzug ziehen, nicht unrealistischer sein könnte: Der einzige Enkel einer Angestellten im Weißen Haus stirbt an einer Überdosis Kokain, woraufhin selbige bei einem Staatsbanket - zu Ehren der Veteranen des Golf- und Afgahnistankrieges, wer hätte das erwartet - weinend zusammenbricht. Die First Lady kriegt daraufhin ein schlechtes Gewissen und der Präsident beschließt nach einer schlaflosen Nacht, den Kokainhandel auszumerzen, koste es, was es wolle. Selbst in den Büchern, die Tom Clancy mit fünf Co-Autoren verfasst hat ist der Aufhänger für die Geschichte realistischer.

Was folgt ist eine endlose, öde Aneinanderreihung von Szenen aus zwei Handlungssträngen: Auf der einen Seite bekommen wir gefühlte drölftausend Mal zu sehen, wie das kolumbianische Drogenkartell seine Ladung in die USA und nach Europa schmuggelt. Forsyth stellt in diesen Szenen die Technik (Rennboote, kleine Propllermaschinen mit Zusatzstanks etc.) in den Vordergrund und schafft es nichtmal ansatzweise, einen Spannungsbogen aufzubauen. Die Kokainschmuggler bleiben farb- und emotionslose Zombies und das, obwohl sich der Stoff hervorragend anböte, die Spannung, den Nervenkitzel und die Angst zu beschreiben, die die Kriminellen bei ihrem illegalen Tun doch eigentlich verspüren müssten. In den späteren Kapiteln des Buchs weichen die Schmuggelszenen nach und nach ebenso farblosen Beschreibungen von Gemetzeln, die der aufblühende Bandenkrieg (das Kokain wird knapp) nach sich zieht.

Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit dem Aufbau einer geheimen Organisation außerhalb der Befehlskette, welche anscheinend nicht an die Genfer Konventionen, das Seerecht, internationale Verträge oder ähnliches gebunden zu sein scheint. Auch hier reihen sich wieder diverse einzelne Szenen aneinander, es begegnet uns eine Vielzahl von Charakteren, doch keiner davon wird mit Emotionen, Charakter oder einer interessanten oder wenigstens glaubwürdigen Hintergrundgeschichte versehen. Unter dem Mantel von Geheimhaltung präsentiert Forsyth uns schnell wechselnde Schauplätze, garniert mit zu vielen technischen Details und schafft es erst kurz vor Ende des Buches, dem Leser klarzumachen, was die ganzen anscheinend zusammenhanglosen Vorbereitungen miteinander zu tun haben. Doch während andere Autoren es schaffen, diese Erzählweise als Stilmittel zu verwenden und das ganze in eine spannende Gschichte zuverpacken, wünscht man sich bei Cobra eigentlich nur, daß endlich mal etwas passiert oder man einen roten Faden findet.

In dem Buch begegnet uns relativ früh ein alter Bekannter aus einem anderen Roman - aber da wir dessen, zugegebenermaßen faszinierende, Lebensgeschichte bereits kennen, bleibt auch er farblos - doch diese vertane Chance fällt angesichts der anderen handwerklichen und erzählerischen Schwächen in keinster Weise auf.

Ich habe für die Kindle-Version des Buchs zwei Tage gebraucht und war wirklich froh, als es endlich vorbei war. Und so bleibt Cobra leider eine Luftnummer, oder, da ich gerade noch krampfhaft nach einem Wortspiel suche: Eine Luftschlange.

Ich wünsche Euch noch einen schönen Samstag und werde mich jetzt erstmal zu den Klängen von Rachmaninovs Klavierkonzert Nummer drei zurücklehnen.