Pilze am Fuß des Wasserfalls
Geschrieben in
Politik & Nachrichten
Dienstag, 17. Juli 2007
Gestern Abend habe ich in einem Restaurant ziemlich leckere Nudeln mit Putenbruststreifen und Steinpilzen gegessen. Ausgehend vom typischen Geruch der Pilze kamen wir dann irgendwie aufs Schwammerlsuchen und von da dann auf radioaktiv belastete Pilze (spätestens jetzt sollte klar sein, warum im Titel was von "Wasserfall" steht). Und keine Ahnung, was es war, aber als ich danach zu Hause war wurde mir wirklich so unglaublich schlecht, daß ich nicht anders konnte, als der, äh, "porzellanernen Jungfrau vollmundig mein Leid zu klagen". Kurz bevor ich irgendwann - draußen wurde es schon hell - dann doch noch zum Schlafen gekommen bin, war mein letzter bewusster Gedanke, daß ich unbedingt mal was über Vattenfall schreiben sollte.
Die Notabschaltung in Meiler "Krümmel" fand am 28. Juni statt, doch den ersten Artikel, mit dem ich wirklich etwas anfangen konnte, um zu verstehen, was sich ereignet hatte, fand ich erst eine Woche später bei Zeit Online. Der geneigte Leser erfährt dort, daß zunächst einmal die Stromzuleitung in das brennende "Trafohäuschen" nicht sofort unterbrochen, sondern weiterhin Strom mit einer Spannung von 380.000V eingeleitet wurde. Besonders interessant ist das angesichts der Aussage des schwedischen Kernkraftexperten Lars-Olov Höglund, daß der Transformator zur automatischen Brandbekämpfung Wasser verwendet - wenn man mich fragt, klingt das nach einer guten Idee! Besonders schlimm gebrannt hat es in dem Trafo ja, weil dort Öl ausgetreten ist - und zwar in größeren Mengen. Auf die Frage, wie sowas denn passieren könnte, es handle sich ja um einen geschlossenen Kreislauf, meinte ein Vattenfall-Sprecher lapidar: "Wir rätseln" - nachzulesen im SPIEGEL, Nr. 28, Seite 137. Wer mag, kann übrigens mal seinen Heizkeller anzünden und zusehen, wie effektiv er einen Ölbrand mit Wasser gelöscht bekommt (das ist jetzt kein Aufruf, das wirklich zu tun!).
Laut des o.g. Zeit Online-Artikels fiel danach der zweite Transformator des Kraftwerks ebenfalls aus (Ursache ungeklärt), was dann erst die Notabschaltung eingeleitet hat. Hier war ich persönlich überrascht: Das Kraftwerk verfügt, darf man dem Aritkel glauben, wohl nicht über eine Notstromversorgung, um kürzere Ausfälle zu überbrücken. Nein, so wie es aussieht, waren Teile vom Krümmel für einen Zeitraum von "zwei bis drei Sekunden" ohne Strom - unter anderem die Speisewasserpumpe des Reaktors. Diese ist dafür zuständig, den Wasserspiegel im Becken mit den Kernbrennstäben konstant zu halten. Nun wäre ein kurzer Ausfall dieser Pumpe nicht weiter erwähnenswert (das Becken wird in drei Sekunden wohl kaum gänzlich verdampfen), allerdings sprangen weder die Primärpumpe noch ein Ersatzgerät nach dem kurzzeitigen Stromausfall wieder an. Der Wasserspiegel in dem Becken soll dabei um ein bis zwei Meter gefallen sein. Um nun einem weiteren Verlust von Druck und Wasserspiegel entgegen zu wirken, wurde der Dampfkreislauf hin zu den Turbinen unterbrochen - verständlich, weniger Druck bedeutet ja auch weniger Hitzeableitung, und selbst, wenn die Reaktion schon gestoppt ist, kühlen die Brennstäbe ja nicht "instant" ab.
Hier zeigt sich, daß der Zeit Online-Artikel recht früh nach dem Unfall entstanden ist - er berichtet davon, daß sich zeitgleich Ventile geöffnet haben, die einen Überdruck im Reaktor verhindern sollen, der Druck ist dann von knapp 70 auf 20 Bar gefallen, und als letzte Notmaßnahme wurde die Reaktionskammer mit Wasser geflutet (auf Atom-U-Booten ist das Fluten des Reaktorbehälters mit Meerwasser übrigens ebefalls die finale Rettungsmaßnahme) und die Reaktion durch Senken der Steuerstäbe endgültig unterbrochen. Wo der Zeit Online-Bericht noch nicht sagen kann, warum genau das passiert ist, weiß SPON einige Tage später schon genaueres: Die betreffenden Ventile wurden von Hand geöffnet, der Reaktorfahrer hat seinen Vorgesetzten falsch verstanden. Verständlich ist das, schon recht früh wurde ja bekannt, daß das geniale Belüftungssystem des AKWs den Rauch aus dem Trafobrand (laut N-TV war ja auch Dioxin dabei) geradewegs in den Leitstand gepumpt hat, so daß man dort Atemschutzmasken tragen musste. Vielleicht war es aber auch einfach nur zu laut - denn den Berichten mehrerer Nachrichtenargenturen zufolge seinen zeitweise bis zu 20 Leute im Leitstand gewesen (eine Betriebsfeier wurde jedoch dementiert). Bei der ganzen Aktion hat es übrigens auch, wie man in den o.g. Artikeln nachlesen kann, einen kleineren Datenverlust in den Computersystemen gegeben - was genau das nun war, werden wir wohl nie erfahren.
Zusammen mit der Berichterstattung in der Folgezeit, z.B. den nicht vorschriftsmäßigen Dübeln in Biblis und Brunsbüttel (sowie 14 "verdächtigen" Dübeln in Krümmel) oder dem Leck im Turbinenbereich bleibt da schon ein sehr fader Nachgeschmack. Nicht nur, wie langsam und schleppend die Ereignisse an die Öffentlichkeit kommuniziert wurden oder wegen des von der Öffentlichkeit arg beachteten Durchsuchungsbefehls für Krümmel, sondern auch, weil es hier ganz offensichtlich mehrmals zu technischem Versagen gekommen ist. In seinem Buch Die Logik des Misslingens schildert Dietrich Dörner u.a. die Kette der Ereignisse, die am Ende zur Explosion des Meilers in Tschernobyl geführt hat. Er stellt besonders heraus, wie das Leitteam von der Situation überrascht und unter Druck gesetzt wurde und es schließlich aufgrund multipler technischer Fehler nicht mehr geschafft hat, die Katastrophe zu verhindern - schließlich sind Atomreaktoren mit die komplexesten technischen Artefakte, die der Mensch erschaffen hat. Beim Lesen der verschiedenen Berichte über den Störfall in Krümmel habe ich viel zu oft an eben jenes Kapitel denken müssen, was zu mehr als nur einer Gänsehaut beigetragen hat - trotz der herrschenden Temperaturen.
Nicht kalt, sondern ganz heiß vor Zorn wird mir, wenn ich mir ansehe, wie Vattenfall reagiert hat und dabei ein Detail bemerke: Man entlässt den Vorstand der Atom-Sparte von Vattenfall Europe Nuclear Energy (VENE), Bruno Thomauske - und der war früher übrigens beim Bundesamt für Strahlenschutz, wo er im Rahmen seiner Tätigkeit an der Genehmigung mehrerer Zwischenlager in Deutschland mitgearbeitet hat. Wenn das kein Filz ist, dann weiß ich auch nicht.
Für meinen Teil habe ich allerdings bereits eine gewichtige Entscheidung getroffen: In der nächsten Zeit werde ich meine Ernährung möglichst pilzarm gestalten.
Die Notabschaltung in Meiler "Krümmel" fand am 28. Juni statt, doch den ersten Artikel, mit dem ich wirklich etwas anfangen konnte, um zu verstehen, was sich ereignet hatte, fand ich erst eine Woche später bei Zeit Online. Der geneigte Leser erfährt dort, daß zunächst einmal die Stromzuleitung in das brennende "Trafohäuschen" nicht sofort unterbrochen, sondern weiterhin Strom mit einer Spannung von 380.000V eingeleitet wurde. Besonders interessant ist das angesichts der Aussage des schwedischen Kernkraftexperten Lars-Olov Höglund, daß der Transformator zur automatischen Brandbekämpfung Wasser verwendet - wenn man mich fragt, klingt das nach einer guten Idee! Besonders schlimm gebrannt hat es in dem Trafo ja, weil dort Öl ausgetreten ist - und zwar in größeren Mengen. Auf die Frage, wie sowas denn passieren könnte, es handle sich ja um einen geschlossenen Kreislauf, meinte ein Vattenfall-Sprecher lapidar: "Wir rätseln" - nachzulesen im SPIEGEL, Nr. 28, Seite 137. Wer mag, kann übrigens mal seinen Heizkeller anzünden und zusehen, wie effektiv er einen Ölbrand mit Wasser gelöscht bekommt (das ist jetzt kein Aufruf, das wirklich zu tun!).
Laut des o.g. Zeit Online-Artikels fiel danach der zweite Transformator des Kraftwerks ebenfalls aus (Ursache ungeklärt), was dann erst die Notabschaltung eingeleitet hat. Hier war ich persönlich überrascht: Das Kraftwerk verfügt, darf man dem Aritkel glauben, wohl nicht über eine Notstromversorgung, um kürzere Ausfälle zu überbrücken. Nein, so wie es aussieht, waren Teile vom Krümmel für einen Zeitraum von "zwei bis drei Sekunden" ohne Strom - unter anderem die Speisewasserpumpe des Reaktors. Diese ist dafür zuständig, den Wasserspiegel im Becken mit den Kernbrennstäben konstant zu halten. Nun wäre ein kurzer Ausfall dieser Pumpe nicht weiter erwähnenswert (das Becken wird in drei Sekunden wohl kaum gänzlich verdampfen), allerdings sprangen weder die Primärpumpe noch ein Ersatzgerät nach dem kurzzeitigen Stromausfall wieder an. Der Wasserspiegel in dem Becken soll dabei um ein bis zwei Meter gefallen sein. Um nun einem weiteren Verlust von Druck und Wasserspiegel entgegen zu wirken, wurde der Dampfkreislauf hin zu den Turbinen unterbrochen - verständlich, weniger Druck bedeutet ja auch weniger Hitzeableitung, und selbst, wenn die Reaktion schon gestoppt ist, kühlen die Brennstäbe ja nicht "instant" ab.
Hier zeigt sich, daß der Zeit Online-Artikel recht früh nach dem Unfall entstanden ist - er berichtet davon, daß sich zeitgleich Ventile geöffnet haben, die einen Überdruck im Reaktor verhindern sollen, der Druck ist dann von knapp 70 auf 20 Bar gefallen, und als letzte Notmaßnahme wurde die Reaktionskammer mit Wasser geflutet (auf Atom-U-Booten ist das Fluten des Reaktorbehälters mit Meerwasser übrigens ebefalls die finale Rettungsmaßnahme) und die Reaktion durch Senken der Steuerstäbe endgültig unterbrochen. Wo der Zeit Online-Bericht noch nicht sagen kann, warum genau das passiert ist, weiß SPON einige Tage später schon genaueres: Die betreffenden Ventile wurden von Hand geöffnet, der Reaktorfahrer hat seinen Vorgesetzten falsch verstanden. Verständlich ist das, schon recht früh wurde ja bekannt, daß das geniale Belüftungssystem des AKWs den Rauch aus dem Trafobrand (laut N-TV war ja auch Dioxin dabei) geradewegs in den Leitstand gepumpt hat, so daß man dort Atemschutzmasken tragen musste. Vielleicht war es aber auch einfach nur zu laut - denn den Berichten mehrerer Nachrichtenargenturen zufolge seinen zeitweise bis zu 20 Leute im Leitstand gewesen (eine Betriebsfeier wurde jedoch dementiert). Bei der ganzen Aktion hat es übrigens auch, wie man in den o.g. Artikeln nachlesen kann, einen kleineren Datenverlust in den Computersystemen gegeben - was genau das nun war, werden wir wohl nie erfahren.
Zusammen mit der Berichterstattung in der Folgezeit, z.B. den nicht vorschriftsmäßigen Dübeln in Biblis und Brunsbüttel (sowie 14 "verdächtigen" Dübeln in Krümmel) oder dem Leck im Turbinenbereich bleibt da schon ein sehr fader Nachgeschmack. Nicht nur, wie langsam und schleppend die Ereignisse an die Öffentlichkeit kommuniziert wurden oder wegen des von der Öffentlichkeit arg beachteten Durchsuchungsbefehls für Krümmel, sondern auch, weil es hier ganz offensichtlich mehrmals zu technischem Versagen gekommen ist. In seinem Buch Die Logik des Misslingens schildert Dietrich Dörner u.a. die Kette der Ereignisse, die am Ende zur Explosion des Meilers in Tschernobyl geführt hat. Er stellt besonders heraus, wie das Leitteam von der Situation überrascht und unter Druck gesetzt wurde und es schließlich aufgrund multipler technischer Fehler nicht mehr geschafft hat, die Katastrophe zu verhindern - schließlich sind Atomreaktoren mit die komplexesten technischen Artefakte, die der Mensch erschaffen hat. Beim Lesen der verschiedenen Berichte über den Störfall in Krümmel habe ich viel zu oft an eben jenes Kapitel denken müssen, was zu mehr als nur einer Gänsehaut beigetragen hat - trotz der herrschenden Temperaturen.
Nicht kalt, sondern ganz heiß vor Zorn wird mir, wenn ich mir ansehe, wie Vattenfall reagiert hat und dabei ein Detail bemerke: Man entlässt den Vorstand der Atom-Sparte von Vattenfall Europe Nuclear Energy (VENE), Bruno Thomauske - und der war früher übrigens beim Bundesamt für Strahlenschutz, wo er im Rahmen seiner Tätigkeit an der Genehmigung mehrerer Zwischenlager in Deutschland mitgearbeitet hat. Wenn das kein Filz ist, dann weiß ich auch nicht.
Für meinen Teil habe ich allerdings bereits eine gewichtige Entscheidung getroffen: In der nächsten Zeit werde ich meine Ernährung möglichst pilzarm gestalten.
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