Repräsentativer Taxifahrer?
Geschrieben in
Politik & Nachrichten
Montag, 21. Januar 2008
Ich bin neulich mit dem Taxi nach Hause gefahren: Es war sauspät, ich war unglaublich müde und mit den Mitteln des ÖPNV hätte ich über eine Stunde gebraucht, bis ich daheim gewesen wäre - also kaum ein Zeitgewinn gegenüber dem Laufen. Eigentlich wäre das ja nichts, worüber ich schreiben würde, wenn - ja, wenn sich da nicht eine recht, ähm, „interessante” Diskussion ergeben hätte.
Wir waren noch keine 100m weit gekommen, als zwei jugendliche betont langsam vor dem Taxi über die Straße gegangen sind - ich mußte ja grinsen über die ganze Coolness und den Gang der beiden, der mich doch stark an Clint Eastwood in einem beliebigen Western erinnert hat. Auf jeden Fall hat einer der beiden kleinen Jungs es sich nicht nehmen lassen, uns ein „Was glotzst Du denn so doof?” hinterher zu rufen. Und während ich da dann unwillkürlich zu Lachen begonnen habe, hat der Taxifahrer angefangen, über Jugendstrafrecht zu reden. Und von der einen Sekunde auf der anderen kam ich mir fast so vor, als hätte jemand die Situation „gestaged”, also vorbereitet: Er sprach davon, wie er sich fühlen würde, wenn ein jugendlicher Straftäter ihm die Kehle durchschneidet und dann vielleicht gerade einmal 6 Jahre hinter Gitter muß. Ich erwiderte, daß ihm das dann auch egal wäre, weil er ja tot sei. Das fand er nicht so lustig, also habe ich damit argumentiert, daß man ja im Jugendknast bestimmt nur lauter nette Leute kennenlernt und bestimmt keinem schlechten Einfluss ausgesetzt ist. Das hat auch kein Stück bei ihm gezogen, und als nächstes meinte er dann, wenn nicht er, sondern ein Freund von ihm umgebracht werden würde, er würde dann nach sechs Jahren zum Gefängnis fahren und den Täter bei seiner Entlassung umbringen. Leicht verunsichert habe ich angemerkt, daß sechs Jahre eine sehr lange Zeit zu trauern sind und ich mir nicht vorstellen könnte, daß er das ernst meine. Doch von ihm kam immer nur die Aussage, er sei da ganz konkret für knallharte Strafen. Die Argumentation seinerseits driftete dann zu asiatischen Gesellschaften wie z.B. Singapur oder China ab, und das wiederholt benutzte Adjektiv „knallhart” begann, sich langsam aber sicher in mein Gehirn zu bohren. Mein Einwand, daß asiatische Gesellschaften schon von ihrer ganzen Entwicklung her nicht mit einer westlichen Gesellschaft zu vergleichen seien und man das Konzept härterer Strafen, die dort akzeptiert werden, deswegen nicht einfach nach Europa übertragen könne, hat ihn kein bißchen beeindruckt. Statt dessen hat er mir wiederholt erzählt, auf wie vielen Kontinenten er schon gelebt hat und wo er schon überall war - den bissigen Kommentar „Ja, und jetzt sind sie Taxifahrer, oder?” habe ich mir verkniffen. Ich habe versucht, über den mangelnden Zusammenhang zwischen Tat und Strafe zu argumentieren, da es in .de sehr lange dauert, bis Strafen auch angetreten werden müssen, doch er meinte, solange die Strafe hart genug sei, wäre es egal, eine harte Strafe sei in jedem Fall eine Abschreckung. Mein Versuch, über das soziale Umfeld zu argumentieren, stieß auf Unverständnis, er sei zwar bereit, vielen Jugendlichen aus sozial benachteiligten Kreisen eine gewisse Perspektivenlosigkeit zu unterstellen, aber gerade deswegen müssten knallhart Strafen her.
Die ganze Diskussion wurde ein bißchen unangenehm, und als ich ihn schon bitten wollte, mich einfach an Ort und Stelle aussteigen zu lassen, weil ich lieber gelaufen wäre als da weiter zu sitzen, kam mir dann zum Glück die rettende Idee: Nach einem Blick auf das Außenthermometer fragte ich, ob es eigentlich glatt sei auf den Straßen - tja, da kann ich mir echt auf die Schulter klopfen, in Deeskalation bin ich ganz groß! Und doch bleibt ein fader, schaler Beigeschmack von dieser Begegnung zurück, denn ich frage mich seitdem ständig, wie repräsentativ dieser Mann für welche Teile unsere Bevölkerung war. Strafen als Abschreckung? Meine Gott, und sowas im 21. Jahrhundert.
Euch allen trotz allem eine schöne Woche!
Wir waren noch keine 100m weit gekommen, als zwei jugendliche betont langsam vor dem Taxi über die Straße gegangen sind - ich mußte ja grinsen über die ganze Coolness und den Gang der beiden, der mich doch stark an Clint Eastwood in einem beliebigen Western erinnert hat. Auf jeden Fall hat einer der beiden kleinen Jungs es sich nicht nehmen lassen, uns ein „Was glotzst Du denn so doof?” hinterher zu rufen. Und während ich da dann unwillkürlich zu Lachen begonnen habe, hat der Taxifahrer angefangen, über Jugendstrafrecht zu reden. Und von der einen Sekunde auf der anderen kam ich mir fast so vor, als hätte jemand die Situation „gestaged”, also vorbereitet: Er sprach davon, wie er sich fühlen würde, wenn ein jugendlicher Straftäter ihm die Kehle durchschneidet und dann vielleicht gerade einmal 6 Jahre hinter Gitter muß. Ich erwiderte, daß ihm das dann auch egal wäre, weil er ja tot sei. Das fand er nicht so lustig, also habe ich damit argumentiert, daß man ja im Jugendknast bestimmt nur lauter nette Leute kennenlernt und bestimmt keinem schlechten Einfluss ausgesetzt ist. Das hat auch kein Stück bei ihm gezogen, und als nächstes meinte er dann, wenn nicht er, sondern ein Freund von ihm umgebracht werden würde, er würde dann nach sechs Jahren zum Gefängnis fahren und den Täter bei seiner Entlassung umbringen. Leicht verunsichert habe ich angemerkt, daß sechs Jahre eine sehr lange Zeit zu trauern sind und ich mir nicht vorstellen könnte, daß er das ernst meine. Doch von ihm kam immer nur die Aussage, er sei da ganz konkret für knallharte Strafen. Die Argumentation seinerseits driftete dann zu asiatischen Gesellschaften wie z.B. Singapur oder China ab, und das wiederholt benutzte Adjektiv „knallhart” begann, sich langsam aber sicher in mein Gehirn zu bohren. Mein Einwand, daß asiatische Gesellschaften schon von ihrer ganzen Entwicklung her nicht mit einer westlichen Gesellschaft zu vergleichen seien und man das Konzept härterer Strafen, die dort akzeptiert werden, deswegen nicht einfach nach Europa übertragen könne, hat ihn kein bißchen beeindruckt. Statt dessen hat er mir wiederholt erzählt, auf wie vielen Kontinenten er schon gelebt hat und wo er schon überall war - den bissigen Kommentar „Ja, und jetzt sind sie Taxifahrer, oder?” habe ich mir verkniffen. Ich habe versucht, über den mangelnden Zusammenhang zwischen Tat und Strafe zu argumentieren, da es in .de sehr lange dauert, bis Strafen auch angetreten werden müssen, doch er meinte, solange die Strafe hart genug sei, wäre es egal, eine harte Strafe sei in jedem Fall eine Abschreckung. Mein Versuch, über das soziale Umfeld zu argumentieren, stieß auf Unverständnis, er sei zwar bereit, vielen Jugendlichen aus sozial benachteiligten Kreisen eine gewisse Perspektivenlosigkeit zu unterstellen, aber gerade deswegen müssten knallhart Strafen her.
Die ganze Diskussion wurde ein bißchen unangenehm, und als ich ihn schon bitten wollte, mich einfach an Ort und Stelle aussteigen zu lassen, weil ich lieber gelaufen wäre als da weiter zu sitzen, kam mir dann zum Glück die rettende Idee: Nach einem Blick auf das Außenthermometer fragte ich, ob es eigentlich glatt sei auf den Straßen - tja, da kann ich mir echt auf die Schulter klopfen, in Deeskalation bin ich ganz groß! Und doch bleibt ein fader, schaler Beigeschmack von dieser Begegnung zurück, denn ich frage mich seitdem ständig, wie repräsentativ dieser Mann für welche Teile unsere Bevölkerung war. Strafen als Abschreckung? Meine Gott, und sowas im 21. Jahrhundert.
Euch allen trotz allem eine schöne Woche!
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