Geschrieben in
Menschliches
Samstag, 8. September 2007
Bei uns in der Gegend wohnen ja ziemlich viele „junge Familien” und dementsprechend, gerade jetzt, in den Ferien oder am Wochenende, sieht man vor der Tür immer ganze Meuten von kleinen Kindern spielen. Doch wer genauer hinsieht, dem fällt ein kleiner Junge auf, der irgendwie fast nie mitspielt. Ich habe diesem Jungen schon vor langer Zeit den Namen „Oliver” gegeben (ja, wie Oliver Twist, ich weiß, ich weiß...). Olivers Mutter wohnt gegenüber, ist nicht mehr so jung, wie sie gerne wäre, zieht sich weniger Stoff an, als sie tragen sollte, geht zu viel ins Solarium und hat eine beeindruckende Menge von Männerbekanntschaften, von denen sie sich morgens verabschiedet. Zu Hause kann man sie fast nie sehen, ihr Tag fängt irgendwann morgens um acht Uhr an und endet wohl Abends immer erst so gegen neun oder zehn Uhr (nein, ich mache auch noch andere Dinge als aus dem Fenster zu schauen und meine Nachbarn auszuspionieren). Vor allem aber hat's Olivers Mutter wohl nicht so mit dem Kochen, denn Oliver hat Übergewicht - viel Übergewicht. Und das wundert mich auch nicht wirklich. Oliver kommt am Nachmittag irgendwann nach Hause, und nach einer Stunde oder so sieht man ihn dann alleine mit einem Fußball durch die Nachbarschaft ziehen. Die anderen Kinder lassen ihn wohl eher selten mitspielen, ihr wisst ja, wie Kinder sind. Und so trottet er dann immer vor sich hin, übt mit seinem Fußball und wartet darauf, daß seine Mutter nach Hause kommt.
Heute wollte ich eigentlich nur noch kurz Abfluss -und Rohrreiniger kaufen. (Anmerkung: Man verzeihe mir den Wechsel ins Präsens!) Als ich aus der Haustür rauskomme, steht da Oliver, der gerade seinen Ball in Richtung Haustür geschossen hatte. Instinktiv habe ich also gemacht, was alle Männer tun, und ihm den Ball zurückgeschossen. Und dann, und ich weiß wirklich nicht, warum - das ruiniert schließlich meinen hart erarbeiteten Ruf als eher nicht so netter Mensch! - rufe ich ihm einfach so zu: „Na komm, spiel' zurück!” Zum Wundern über mich selbst bleibt mir keine Zeit, denn plötzlich finde ich mich dabei wieder, wie ich mit einem kleinen, übergewichtigen und mir völlig Fremden Jungen Fußball spiele. Oliver hat nicht so viel Kondition, deswegen muss er öfter mal eine Pause machen (und trinken, viel trinken! Er hat in seinem Rucksack zwei Flaschen Wasser gehabt, die er beide geleert hat in der Stunde, die wir gespielt haben. Muss da außer mir sonst noch jemand an Zucker denken?) und so kommen wir ins Gespräch und ich tauche in die Welt eines Neunjährigen ein. Es ist keine rosige Welt, von der er mir da erzählt. Wir reden - natürlich, es geht ja nächste Woche wieder los - über die Schule. Da ist er nicht so gut. Als er mir von Mathematik erzählt, da leuchten seine Augen, und er berichtet mir stolz, dass er schon viel weiter rechnen kann als alle seine Klassenkameraden, sogar schon mit Kommazahlen. Aber, gesteht er mir dann mit gesenktem Kopf, in der Probe, da kann er das immer nicht hinschreiben, es fällt ihm so schwer, still zu sitzen. Wir reden auch über Deutsch, und da hat er nur eine fünf im letzten Zeugnis gehabt. Seine Mutter hat da fruchtbar mit ihm geschimpft, aber bei den Hausaufgaben kann sie ihm nicht helfen, denn wenn sie nach Hause kommt, ist sie immer schon zu müde. Und was mit den Freunden seiner Mutter sei, frage ich. „Die interessieren sich nicht für mich und ich nicht für sie!”, gesteht er mir. Er kann nicht besonders gut schreiben und lesen, wie er zugibt. Ich frage, ob es ihm denn nicht mal Spaß machen würde, ein Buch zu lesen. Er hat Bücher, erzählt er, aber nur fünf, und die hat er alle bekommen, als sein Vater noch bei ihnen gewohnt hat. Mir wird ganz anders, und ich beginne damit, ihm Geschichten von Büchern zu erzählen, von einem Michel aus Lönneberga, der nach seinen Streichen in den Tischlerschuppen gesteckt wird, von den Kindern aus Bullerbü, die von Zimmer zu Zimmer über einen alten Baum klettern können, von den Possen eines Karlsson vom Dach, der einen Propeller auf dem Rücken hat, und es zerreißt mir fast das Herz, als ich sehe, wie sehnsüchtig Oliver guckt. Ohne nachzudenken verspreche ich ihm, dass ich mal sehen werde, ob ich die Bücher nicht noch irgendwo habe, und sie ihm dann einmal mitbringe.
Wir reden auch über seine Lehrer, und die mag er alle nicht, denn sie behandeln ihn, als wäre er Luft, aber nur, wie er sagt, „wegen meiner Mutter”. Freunde hat er schon einige, aber die müssen nach der Schule nun mal immer nach Hause, wenn er sich etwas zu Essen kauft. Was er denn am liebsten mag? „Pizza Hut”, sagt er. Wenn er dann aus der Stadt heimkommt, dann versucht er immer, eine oder zwei Stunden seine Hausaufgaben zu machen, aber auch da kann er nicht still sitzen, es treibt ihn um, und er weiß selber nicht so genau warum (muss außer mir da noch jemand an die Folgen unausgewogener Ernährung denken? Pizza Hut. Meine Fresse!). Am Anfang dieses Schuljahres, so erzählt er mir, hätte seine Schule testhalber auch kostenlose Hausaufgabenbetreuung angeboten. Das habe ihm gut gefallen, und im Zwischenzeugnis hatte er dann auch bessere Noten. Aber mittlerweile bieten sie das nicht mehr an, warum, weiß er nicht, doch ich kann es mir denken.
Nach einer Stunde muss ich dann los, und er ist auch völlig erschöpft. Als ich gehen will, fragt er mich, ob wir vielleicht nochmal zusammen spielen. Mein Gott, was soll man auf so eine Frage antworten? Will man sich da überhaupt so involvieren? Kriegt man da vielleicht Ärger mit seiner Mutter? Schauen einen die Nachbarn an, weil man mit wildfremden Kindern Fußball spielt? Es ist mir egal. Ich habe gesagt, wenn wir uns mal wieder sehen und ich gerade Zeit habe, dann gerne. Und ich meine es ernst, auch das mit den Büchern.
Gerade weiß ich nicht, ob ich lieber Heulen oder Kotzen will über diese unsere hochgelobte Gesellschaft, die ein Kind so vereinsamen und verwahrlosen lässt.